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Rezension von Alexander Garth, Aufatmen 4/2010, S. 101:
Nicht an den Menschen vorbei
Rainer Schacke
Learning from Willow Creek
Cuvillier, Göttingen
734 Seiten, € 49,90
Es gibt zwei Grundsätze erfolgreicher Kommunikation. Erstens: Was ist meine Botschaft? Zweitens: Wer ist mein Gegenüber? Während das vorherrschende Thema der Theologie die Frage ist, was sie den Menschen zu sagen hat, steht in Rainer Schackes großartiger Doktorarbeit die Frage im Zentrum: Wer sind die Menschen, denen die Gute Nachricht gilt? Wir leben in einer Gesellschaft, die aufgesplittet ist in ganz unterschiedliche Szenen und Milieus mit ihren verschiedensten Kommunikationsformen, kulturellen Prägungen, Werten, Riten und Verhaltensmustern. Die Kirche im säkularen Europa hat eine schwere Aufgabe. Sie muss die frohe Botschaft von Jesus umsprechen in die Lebens- und Verstehenswelt von Menschen, die durch die Verkündigung der Kirche nicht erreicht werden. Sie kommuniziert weitgehend an den Menschen vorbei. Das Anliegen der Kirche und ihre gottesdienstlichen Kommunikationsformen werden von den meisten Menschen nicht mehr verstanden: dreihundert Jahre alte Hymnen, akademische Predigten, vorhersagbare Gottesdienstabläufe, überraschungsfreie Liturgie - damit können immer weniger etwas anfangen.
Das gilt besonders für die Menschen in den postmodernen Milieus. Die Kirche weiß zwar noch einigermaßen, was sie zu sagen hat, aber sie weiß zu wenig, wem sie etwas zu sagen hat. Schackes Studie befasst sich genau mit dieser Frage. Ausgegangen wird dabei von einem sehr erfolgreichen Kirchenmodell am Stadtrand von Chicago, der Willow Creek Community Church (WCCC). Unzählige Gemeinden und Denominationen auf der ganzen Welt sind von diesem Modell beeinflusst. Viele haben durch die Impulse aus Chicago kirchendistanzierte Menschen mit dem Evangelium erreicht. Schacke untersucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten der amerikanischen und der deutschen Kultur und setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, inwiefern sich der Willow-Creek-Ansatz auf unsere Verhältnisse übertragen lässt. Er arbeitet dabei mit zwei Modellen der Milieu-Forschung, mit der "Erlebnisgesellschaft" von Gerhard Schulze, aber vor allem mit der Sinus-Analyse. Der Autor hat dabei sowohl die evangelischen Landeskirchen im Blick als auch die Freikirchen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Stadt Berlin, die sicher nicht zu Unrecht als die am stärksten von der Säkularisierung geprägte Großstadt Deutschlands gilt. Der Autor untersucht hier zehn missionarische Projekte (landeskirchliche und freikirchliche), die sich als Zielgruppe ihrer Arbeit an kirchenferne Menschen wenden. Schacke belegt mit vielen stimmigen Argumenten, warum es sich lohnt, vom Willow-Creek-Konzept zu lernen. Kapieren ist angesagt, nicht kopieren, und umsetzen in die deutsche Wirklichkeit.
Für alle zeitgeplagten Menschen stellt sich die Frage: Warum in aller Welt soll man eine über 700 Seiten dicke Doktorarbeit lesen? Acht gute Gründe: 1. In dieser Arbeit wird ein faszinierendes Modell von Kirche vorgestellt, das unzählige unkirchliche Menschen mit der besten aller Botschaften in vielen Teilen der Welt erreicht. 2. Es gibt eine Menge zu lernen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und den USA. 3. Man bekommt ein Bild, wie unsere Gesellschaft tickt, besonders die Hauptstadt Berlin. 4. Man entwickelt eine Vorstellung, wie die Kirche das Evangelium in die verschiedenen Milieus hinein kommunizieren könnte. 5. Schacke hat viele Fakten zum Thema Gemeindewachstum zusammengetragen. Die Beschäftigung damit ist sehr förderlich für alle, denen dieses Thema am Herzen liegt. 6. Man lernt sich selbst besser kennen als Teil einer in viele Milieus differenzierte Gesellschaft. 7. Man erfährt etwas über globale Trends, wie sie unser Leben verändern und unsere Gesellschaft beeinflussen. 8. Man verbringt, wenn man einigermaßen des Englischen mächtig ist, viele angenehme Lesestunden.
Alexander Garth (Ev. Theologe/Pfarrer)